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VON
JOACHIM LAUKEMANN
So sorglos wie Millionen Schweizer mit dem Handy
telefonieren, kann man nur zu einem Schluss gelangen: Der Mobilfunk muss
unbedenklich sein. Die Wissenschaft indes ist sich nicht so sicher. Zwar wurden
die UMTS-Sendeantennen von einer Schweizer Studie kürzlich zumindest in so fern
entlastet, als diese das Wohlbefinden der Probanden nicht beeinträchtigten.
Größere Sorgen als die Sendemasten sollten uns die
Mobilgeräte machen. Beim Telefonieren ohne Freisprechanlage entstehen die
elektromagnetischen Felder direkt am Kopf und können dort zu einer Belastung
führen, die bis zu einer Million Mal über der von Sendeantennen liegt.
Und das hat Folgen, wie Primo Schär vom Zentrum für
Biomedizin der Universität Basel kürzlich auf einer Veranstaltung der
Forschungsstiftung Mobilkommunikation berichtet hat Elektromagnetische Felder
stressen auch unterhalb der geltenden Grenzwerte unsere Gene, Konkret kann
diese Strahlung dazu führen, dass Erbgutstränge brechen, zumindest in gewissen
Zelltypen. Ob diese Schäden zu nachhaltigen Genveränderungen fuhren, wissen wir
noch nicht, sagt Schär, der in Zürich noch unveröffentlichte Resultate
präsentierte.
Eine österreichische Studie geriet ins Kreuzfeuer der Kritik
Zum selben Ergebnis kam eine österreichische Studie im
Rahmen des europäischen Reflex-Projekts bereits vor zwei Jahren. Diese Arbeit
von Forschern um Hugo Rüdiger von der Universität Wien geriet aber ins
Kreuzfeuer der Kritik. Die Resultate waren unerwartet und verlangten nach einer
Bestätigung.
Soweit Schär seine Daten ausgewertet hat, deutet alles
darauf hin, dass die Wiener Forscher Recht behalten: Sowohl nieder frequente
Felder, wie sie etwa von Hochspannungsleitungen abgestrahlt werden, als auch
hochfrequente Felder vom Handy können das Erbgut schädigen.
Vergleichbar mit den Versuchen in Wien hat der Basler
Molekulargenetiker in Petrischalen gezüchtete Bindegewebszellen einem
Magnetfeld ausgesetzt, das etwa so stark war, wie es die Grenzwerte fordern.
Sowohl bei nieder- als auch bei hochfrequenter Strahlung nahm die Anzahl Brüche
im Erbgut, der DNA, schwach, aber statistisch eindeutig zu. Das gilt sowohl für
die Bindegewebszellen eines 42-jährigen Mannes als auch für entsprechende
Zellen eines sechsjährigen Knaben, wenngleich die Charakteristik der Schäden je
nach Alter der Spender unterschiedlich war.
Schär wählte eine Bestrahlungszeit von 15 Stunden, da die
Anzahl Brüche in den Reflex-Studien bei dieser Zeit ein Maximum erreichte.
Danach und insbesondere nach Ende der Bestrahlung gingen die Erbgutschäden
zurück. Verblüffend ist, dass die Schäden nur dann auftraten, wenn das Magnetfeld
in Intervallen von einigen Minuten an- und abgeschaltet wurde. Mit dieser
periodischen Bestrahlung sollte der übliche Umgang mit dem Handy simuliert
werden. War das Feld dagegen permanent vorhanden, war keine signifikante
Zunahme der DNA-Brüche messbar.
Wie Schär betont, deuten Brüche in der DNA nicht unbedingt
auf eine nachhaltige Schädigung der Zelle hin. Auch ohne die Einwirkung
elektromagnetischer Felder entstehen unzählige DNA-Brüche im normalen
Lebenszyklus unserer Zellen. Doch den Zellen stehen effiziente Mechanismen zur
Verfügung, um solche DNA-Schäden wieder zu reparieren. Die Abnahme der Brüche
nach 15 Stunden Exposition deutet darauf hin, dass die Reparaturmechanismen der
Zelle greifen.
Das wiederum heißt nicht, dass von elektromagnetischen
Feldern ausgelöste Erbgutschäden unbedenklich sind, selbst wenn sie repariert
werden. Denn die Reparatur könnte fehlerhaft sein. Insbesondere von Umweltgiften,
Röntgenstrahlung und starker UV-Strahlung ist bekannt, dass sie DNA-Brüche
hervorrufen, die von der Zelle nur mangelhaft geflickt werden und daher zu nachhaltigen
Erbgutdefekten führen. Solche Defekte können die Entwicklung von Krebs
begünstigen. «Ob die beobachteten DNA-Brüche gut- oder bösartig sind, können
erst künftige, weit aufwendigere Experimente klären», sagt Schär.
Zu denken geben die Resultate der Studien
allemal.
Weitestgehend im Dunkeln tappen die Forscher bei
der Suche nach einer Erklärung, wie die verwendeten, relativ geringen
Feldstärken überhaupt DNA-Brüche auslösen können. Schär vermutet, dass
dies nicht direkt durch die Felder geschieht, wie es etwa bei hoch
energetischer Röntgenstrahlung der Fall ist. Vielmehr könnte die
Strahlung von Handys und Hochspannungsleitungen aggressive Zellgifte
bilden, so genannte Radikale, die das Erbgut stressen. Sicher ist das
keineswegs. Rätselhaft ist auch, warum DNA-Brüche nur auftreten, wenn
das Magnetfeld periodisch ein- und ausgeschaltet wird, nicht aber bei
permanenter Exposition, und warum nur gewisse Zelltypen betroffen
sind.
Ob sich die zahlreichen Handynutzer in trügerischer
Sicherheit wiegen und welchen Gefahren Menschen ausgesetzt sind, die
in der Nähe von Hochspannungsleitungen leben, lässt sich auf Grund
dieser Studien nicht zuverlässig sagen. Zu denken geben die Resultate
aber allemal.
Angesichts der Unsicherheit empfiehlt Schär,
vorerst nach dem Prinzip «weniger ist mehr» zuhandeln: möglichst wenig
mit dem Handy am Ohr telefonieren und wenn, dann ein Mobilgerät
benutzen, das einen niedrigen SAR Wert besitzt und daher wenig
Leistung im Körper deponiert.
9. Juli 2006 SonntagsZeitung
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